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Ruth Gattiker. Mit ihrem Schalk und ihren träfen Antworten bringt sie ihr Gegenüber bisweilen auch mal aus dem Takt.

GETROFFEN

Ruth Gattiker wurde zur Pionierin der Herzanästhesie und war eine der ersten Professorinnen an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Willenskraft, Wissensdurst und Lebenslust

Kann man mit 96 Jahren so tun, als gäbe es kein Gestern? Die Anästhesiologin Ruth Gattiker macht es vor: täglich aufs Neue! Die Pionierin für ­Anästhesie in der Herzchirurgie lebt vor, wie man alt wird und trotzdem glücklich bleibt.

Unseren ersten Termin mit der lebensfrohen Ruth Gattiker müssen wir verschieben. Sie fahre nach Zürich an dem Tag. Zwei Wochen später stehen wir vor der Pforte eines ­älteren dreigeschossigen Hauses im Davoser Ortsteil Büelen, dem Ausgangspunkt ins Hochtal Dischma. Vor drei Jahren trat Ruth Gattiker bei «Aeschbacher» auf, entzückte das TV-Publikum mit ihrem Schalk, ihren träfen, nicht immer erwarteten Antworten – den Moderator brachte sie bisweilen aus ­seinem Takt.

Jetzt wird gewandert

An schönen Tagen laufe sie gerne, sagt Ruth Gattiker und schaut bestätigend in den ­blauen Himmel. Früher ist sie viel und gerne Ski gefahren. Mit 70 ersetzte sie die Alpin­ski durch Langlaufski. «Jetzt wird gewandert.» Weil ihr Haus wunderschön, aber nicht zentral liege, habe sie ihren 30 Jahre alten Volvo durch einen Kleinwagen ersetzt, damit sie etwas komfortabler die schweren Einkäufe tätigen kann. Für den Alltagsbedarf nimmt sie den Rucksack und geht. Für längere Reisen steigt sie in die Bahn.

Zur Oper nach Zürich

Im Schnitt fahre sie einmal wöchentlich nach Zürich, besuche mit Freunden Opernpremieren oder Konzerte. Musik ist eine ihrer Leidenschaften. Bis vor einigen Jahren spielte sie als studierte Musikwissenschaftlerin auf ihrem Konzertflügel, besucht nach wie vor an der Volkshochschule Zürich einen Sprachkurs für Altgriechisch. Im Gespräch mit Ruth Gattiker lerne ich, dass es nicht für alles einen besonderen Grund geben muss. Hinter dem Altgriechischen steckt trotzdem eine Vorgeschichte.

Pionierin der Herzanästhesie

Das gilt ebenso für ihren schulischen Werdegang, der so ungewöhnlich und interessant war wie ihr ganzes Leben. Sie widersetzte sich dem Plan ihres Vaters, der seine beiden Töchter als Sekretärinnen sah, die später eine Familie gründen sollten. Sie hatte andere Pläne. Sie wollte Karriere machen. Über Umwege studierte sie Medizin, spezialisierte sich in dem damals noch sehr jungen Fach Anästhesie. Als der schwedische Herzchirurg Åke Senning 1961 nach Zürich kam, wurde sie eine seiner engsten Mitarbeitenden. Auch wenn ihr vom eigenwilligen Schweden anfangs Gegenwind ins Gesicht blies, ­ent­wickelte sich eine lange und intensive Zusammenarbeit mit dem Herzchirurgen, die 1969 in einer ersten Herztransplantation gipfelte, die sie als Anästhesistin beglei­tete. Ruth Gattiker wurde zur Pionierin der Herzanästhesie und war eine der ersten ­Profes­so­rinnen an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Weg für die Frauen geebnet

Mit ihrer Beharrlichkeit, der unbändigen Willenskraft und der selbstbewussten Einstellung, dass ihr Geschlecht nichts mit ihren Fähigkeiten zu tun hat, konnte sie sich in der Männerdomäne Medizin durchsetzen. «Es ist doch Unsinn, wenn jemand sagt: Wir wollen keine Frau in führender Position. Als Ärztin bin ich weder Mann noch Frau, sondern eine Person, die ihr Bestes tut.» Sie war 62, als Åke Senning in den Ruhestand ging, und hätte ebenfalls pensioniert werden sollen. Der Zürcher Gesundheitsdirektor ermunterte sie zum Weitermachen, über das Pensionsalter hinaus. Sie tat es mit Freude und Akribie. Wieder in der Gegenwart – 32 Jahre später. Vor mir sitzt eine Frau, die dieses Jahr 96 Jahre alt wird und ein Leben mit klaren Strukturen und Ritualen führt. Sie steht um 6.15 Uhr auf, absolviert ihr Fitnessprogramm, frühstückt und liest die Tagespresse. Sie geniesst den täglichen Kaffeeschwatz mit einem Nachbarn; ihre Spaziergänge rund um Davos – und ihre regelmässigen Aus­flüge nach Zürich. Sie muss den Tag nicht immer neu erfinden, macht das, was ihr Freude bereitet. Und da kommt einiges zusammen. Auch immer wieder Neues.

Sie hat noch einiges vor

Einsamkeit kenne sie nicht. Im Gegenteil. Sie schätzt Ruhe und Stille, liebt aber auch den Kontakt zu vertrauten Mitmenschen. Sie fühlt sich gesund und hat nicht das Gefühl, sie müsse sich täglich mit dem Älterwerden und den damit verbundenen Konsequenzen aus­einandersetzen. Von der Krankenkasse erhält sie Gutschriften, weil sie keine Kosten ver­ursacht. Angst vor dem Tod? Sie weiss, dass sie eines Tages sterben wird. Eine Klappen­stenose (Verengung einer Herzklappe) dürfte dereinst die natürliche Ursache dafür sein.
Alt werden und dabei glücklich sein kann man noch viele Jahre. Und das will sie auch!

Lesenswert

Die Biografie «Ruth Gattiker. Pionierin der Herzanästhesie» bietet wesentlich mehr als diese Kurzreportage. Denise Schmid, Historikerin und Verlegerin, hat im Buch auch ein spannendes Stück Medizingeschichte aufgearbeitet. ISBN 978-3-03919-409-4 (auch als E-Book erhältlich)