6 min
Nadine Reichenthal, Verantwortliche für den Accelerator der UNIL-HEC in Lausanne.
Nadine Reichenthal, Verantwortliche für den Accelerator der UNIL-HEC in Lausanne.

ZOOM-Gespräch

«Schweizer Start-ups in der Beschleunigungs­phase»

Sie stehen für Innovation, Kreativität und haben ein enormes Entwicklungspotenzial. Nadine Reichenthal engagiert sich stark für Start-ups und widmet ihnen im Rahmen des Accelerators der Universität Lausanne (UNIL) und der Hochschule für Wirtschaft (HEC) Lausanne einen Grossteil ihrer Zeit. Wir haben mit der erfolgreichen Waadtländer Unternehmerin das ZOOM-Gespräch geführt.

Die wachsende Rolle der Start-ups im Wirtschaftsgefüge ist weltweit ein unübersehbarer Trend. In der Schweiz werden jährlich rund 300 Start-ups gegründet – viermal so viel wie vor 15 Jahren. Diese Statistiken legte Ende des vergangenen Jahres Start-uptickers.ch vor (siehe Kasten). Der Aufschwung der Start-ups hängt mit einem florierenden Ökosystem zusammen – ganz besonders rund um die Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH/EPFL) und die Fachhochschulen (FH). Die meisten Start-ups befinden sich daher – wenig überraschend – in den Kantonen Zürich und Waadt.

Nadine Reichenthal ist Gründerin des gemeinsamen Accelerators der Universität Lausanne (UNIL) und der Hochschule für Wirtschaft (HEC) Lausanne. Aktuell betreut sie die Projekte von 25 Jungunternehmerinnen und Jungunternehmern. Ausserdem unterrichtet sie die Bachelor-Studenten der HEC in Unternehmertum.

Frau Reichenthal, die wachsende Anzahl der Start-ups auf Schweizer Boden ist beeindruckend!

Nadine Reichenthal: Ja! Diese enorme Entwicklung ist umso erstaunlicher vor dem Hintergrund, dass sich die Rahmenbedingungen nicht dahingehend entwickelt haben, dass sie das Unternehmertum fördern.
Die jungen Absolventen haben oft grösseres Interesse an einer gut bezahlten Stelle in einem Unternehmen, das ihnen eine sichere Karriere bietet. Risikobereitschaft ist im aktuellen politischen Kontext in der Schweiz nicht selbstverständlich.

Warum?

Ich möchte zunächst betonen, dass ich vor allem aus meiner «Waadtländer Optik» sprechen kann. Auch heute noch gibt es niemanden, der von sich behaupten kann, alle Schweizer Start-ups zu repräsentieren. Dazu kommt das digitale Unverständnis unserer politischen Entscheidungsträger, die die Herausforderungen der Wirtschaft 4.0. nach wie vor unterschätzen. Zudem haben unsere Start-ups keinen Zugang zu Risikokapital. Zahlreiche vielversprechende Unternehmen verlassen die Schweiz, wenn es um die Kapitalbeschaffung geht. Zu erwähnen sind auch die Steueraspekte. Die Start-ups unterscheiden sich stark von KMU oder multinationalen Konzernen, werden aber gleichermassen besteuert. Die Start-ups sollten eine eigene Kategorie in der Schweizer Wirtschaftspolitik erhalten.

Bevor wir fortfahren: Können wir uns auf eine Definition von Start-ups verständigen?

Zwischen Start-ups und KMU besteht ein grosser Mentalitätsunterschied. KMU streben Nachhaltigkeit an, wohingegen Start-ups vor allem disruptive Unternehmen sind, die bestehende Wirtschaftszweige verändern. Bei der von einem Start-up vorgeschlagenen Lösung gibt es eindeutig ein Davor und ein Danach. Für die Definition gibt es allgemein sechs Kriterien, die aus einem Jungunternehmen ein Start-up machen: der Fokus auf Innovation, der für mich entscheidend ist, um nicht ein Unternehmen zu bleiben, das ein veraltetes Modell neu auflegt. Dazu kommen ehrgeizige Wachstumsprojekte auf internationaler Ebene, erweiterungsfähige Wirtschaftsmodelle, ein stark wissenschaftsbasierter Ansatz, die Technologie und letztlich Mittel professioneller Investoren oder die Vorbereitung des Exit, gleichbedeutend mit der Übernahme durch ein grösseres Unternehmen.

Sie begrüssen gegenwärtig die siebte Gruppe im Accelerator UNIL-HEC,
den sie 2016 mitbegründet haben. An wen richtet sich Ihr Programm?

Unsere Dienste werden von der UNIL und der HEC angeboten. Es können sich daher nur Studierende, Doktoranden und Alumni der UNIL bewerben. Es besteht eine echte Nachfrage für unser Programm: Ich muss leider immer mehr Projekte aus Hochschulen ablehnen. Im Gegensatz zu anderen akademischen Programmen sind wir für Projekte jeglicher Art offen: «No Tech», «Low Tech» oder «High Tech».

Was lehren Sie Ihre Studierenden?

Kalt zu duschen! Ohne Witz: Meine Rolle ist die des Stachels im Fleisch – ich muss Fehler verhindern, die zur Insolvenz führen können. Der Ansatz lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Attraktivität, Machbarkeit und Lebensfähigkeit. Ich lehre sie daher, den Kunden zu verstehen und seine Träume zu ergründen. Dies ist die Phase der Definition des Leistungsversprechens, in Anlehnung an das von Yves Pigneur und Alexander Osterwalder entwickelte Business Model Canvas. Ich erwarte von ihnen, nach den Kursen ihre potenziellen Kunden aufzusuchen, um die Probleme oder Dienstleistungen zu identifizieren, für welche die Kunden zu zahlen bereit sind. Die Studierenden richten so ihre Ziele neu aus und können ihren Businessplan erstellen. Die dritte Phase besteht aus der Optimierung der Rentabilität.

Welche Rolle spielt ein Accelerator im Leben eines Start-ups?

Unser Programm dauert 18 Wochen und dient dem Start eines Projekts. Ein Team aus Mentoren (Experten aus Wissenschaft, Finanzen, Technologien oder auch der Kommunikation) sowie Industriepartnern ermöglicht ein intensives, auf die Problematik der einzelnen Teilnehmer ausgerichtetes Coaching. Dazu gehört die Vorbereitung des Pitch Deck, das Erstellen eines Businessplans, das Ausarbeiten einer wirksamen Kommunikation usw. Darüber hinaus gibt es für jedes Projekt eine Kreditlinie von 10 000 Franken, um die Idee am Markt zu testen. Die so «beschleunigten» Projekte drehen sich schneller in die richtige Richtung und finden letztlich das richtige Produkt oder die geeignete Lösung. Sie müssen wissen, dass von den 25 Bewerbungen in unserem Programm nur ein einziges Projekt nach 3 Jahren noch lebensfähig ist.

Die Studie von Startupticker weist
auf die erstaunliche Dynamik im Kanton Waadt hin.

Ja, uns kommt nun zugute, dass hier schon lange erstklassige Kompetenzen in nächster Nähe verfügbar sind. Bei den UNIL-Projekten sind die Ingenieure der EPFL erprobte «Macher», die Kantonale Kunstschule (ECAL) kommuniziert und gestaltet, die Hotelfachschule kennt die Kunden, die FH verwalten und konzipieren und die BWL-Studenten (HEC) managen! Es ist das gesamte Öko-system vorhanden, das für die Lebens-fähigkeit eines Unternehmens erforderlich und wichtig ist. Der Kanton Waadt hat an der Schnittstelle zwischen Privatsektor und Staat zahlreiche Förderwerkzeuge erstellt. Wir verfügen also über einen äusserst fruchtbaren Boden. An uns, dem Accelerator, liegt es, den Boden zu bereiten und die guten Körner herauszupicken.

Um Ihre landwirtschaftliche Terminologie beizubehalten: Was ist das Geheimnis Ihres Düngers?

Hier kann ich zwei Kernbegriffe nennen. Der erste ist: Networking. Unser Rezept in Lausanne lautet: Die Mobilisierung einer grossen Anzahl Experten und Mentoren, die der Gesellschaft das zurückgeben, was sie in ihrer Laufbahn von ihr erhalten haben. Der zweite lautet: direkte Konfrontation mit der Marktrealität. So müssen zum Beispiel unsere Studierenden an der HEC, die nicht selbst Projektträger sind, verstehen, was die Leitung eines Unternehmens bedeutet. Wir arbeiten daher mit Unternehmern zusammen, die uns ein Problem vorlegen, mit dem sie konfrontiert sind. Die Studierenden arbeiten in Gruppen zusammen und analysieren und lösen diese realen Problemstellungen.

Was ist Ihre Vision für die Schweiz?

Wir haben in unserem Land zu viele Inkubatoren (Einrichtungen, die Unternehmen bei der Existenzgründung unterstützen) und nicht genug Beschleuniger. Das Verhältnis müsste sich umdrehen. Es liegt in der Natur ihres Wirtschaftsgefüges, dass die Schweiz wissenschaftliche Start-ups fördert. Als ich noch für Venturelab arbeitete, kämpfte ich dafür, dass lokale Projekte, die als «No Tech» oder auch «Low Tech» bezeichnet wurden, eine Chance haben, das Licht der Welt zu erblicken. So entstand der Accelerator in Lausanne. Der Einsatz hat sich gelohnt. AgroSustain (agrosustain.ch) wurde vom französischsprachigen Wirtschaftsmagazin «Bilan» als eines von 50 Start-ups ausgewählt, in die es sich zu investieren lohnt. Légumes Perchés (legumesperches.ch), eine Initiative, die die regionale urbane Landwirtschaft fördert, trägt heute zahl-reiche Projekte in der Stadt Lausanne. Weiter möchte ich Buildigo (buildigo.ch) nennen, eine digitale Plattform, die Dienste lokaler Handwerker anbietet, und Green-astic (greenastic.ch), die erste digitale Gartenbauplattform, die auf den Grundsätzen der Permakultur beruht. Diese Start-ups wurden im Accelerator betreut und machen jetzt in ihrem Wirtschafts- oder Industriesektor von sich reden. 

Kennzahlen

6% der Start-ups
gelingt es, einen Käufer zu finden oder an die Börse zu gehen.
6 Jahre
sind der kritische Zeitraum, in dem sich ein Start-up behaupten kann oder eben nicht.
300 Start-ups
werden jedes Jahr in der Schweiz gegründet.
Vervierfachung
der Start-up-Gründungen innerhalb von 15 Jahren

Startupticker.ch im Kurzporträt

Startupticker.ch ist eine Stiftung, die sich für Innovation und die Gründung von Start-ups in der Schweiz einsetzt. Anfang dieses Jahres veröffentlichte sie den «Swiss Startup Radar 2018 / 2019». Darin sind die erhobenen Daten von 4000 Start-ups enthalten, die zwischen 1995 und 2017 gegründet wurden. Hier zwei Aspekte, die herausragen:

  • Im internationalen Vergleich weist die Schweiz in den Bereichen Medizintechnik, Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) sowie Energie und Cleantech eine sehr hohe Anzahl an Start-ups auf. Auch in der Biotechnologie und dem Finanzsektor sind unsere Unternehmen zahlreich vertreten. Hingegen sind weniger Unternehmen aus den Bereichen E-Commerce und elektronische Marktplattformen zu finden. Zudem zeichnen sich Schweizer Jungunternehmen selten durch Innovation in Eventmanagement, Tourismus sowie Werbung, Marketing und der Kategorie «Business Intelligence» aus.
  • Die Start-ups verteilen sich praktisch auf alle Schweizer Kantone. Basel-Stadt und Basel-Land stellen zusammen 9 Prozent, Genf 7 Prozent und Zug 5 Prozent. 30 Prozent der Schweizer Jungunternehmen kommen aus dem Kanton Zürich und 15 Prozent aus der Waadt. Die Stärke dieser Kantone beruht zu einem Grossteil auf der Präsenz von Spitzeninstitutionen: Die ETH in Zürich und die EPF Lausanne sowie die Universitäten in diesen Städten führen zur laufenden Entstehung von Spin-offs. Weiter trägt die Anzahl der Unterstützungsstellen und der spezialisierten Dienstleister zur Wirksamkeit des Ökosystems bei. Diese Vorzüge ziehen auch Gründer aus anderen Kantonen und sogar aus dem Ausland an.