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Ständerat Erich Ettlin: «Die digitalisierte Welt ist da. Wir müssen nur den vernünftigen Umgang damit lernen.»

Stimme aus Bern

Ständerat Erich Ettlin: einen smarten Umgang mit der digitalisierten Welt finden

«Gibt es eine smarte Politik? fragt man mich immer wieder. Warum nicht, wäre eine klare Antwort. Der Begriff ‹smart› begegnet uns überall und beeinflusst unser Denken und Handeln – auch in der Politik. In den Rats­sälen der beiden Kammern wird nach wie vor nach traditionellen Werten gelebt – trotzdem begegnet uns die künstliche Intelligenz in allen Bereichen des Ratsalltags. Der Begriff ‹smart› hat eine lange und erstaunliche Reise hinter sich. Der Begriff ‹smarta› wurde in der urgermanischen Sprache verwendet und bedeutete so viel wie ‹schmerzend›. In der Neuzeit umschreibt ‹smart› den Umgang mit der künstlichen Intelligenz. Das beste Beispiel ist das Handy mit seinen ausgesprochen interdisziplinären Verwendungsmöglichkeiten, bei denen das Telefonieren schon fast zur Nebensache wird. Ist das Smartphone eine Geissel oder ein nicht mehr wegzudenkender und individueller Dienstleister jedes Menschen? Es gibt keine schlüssige Antwort, sie würde höchstens heissen: sowohl als auch. Es wird die Zeit kommen, wo man mit dem Smartphone die wichtigen physischen Körperwerte selber erfassen und dem Arzt zur Diagnosestellung direkt schicken kann. Das kann Angst machen oder aber Gutes bewirken – zum Beispiel zu einer Entlastung des kränkelnden Gesundheitswesens führen.

Die Geschichte zeigt uns, dass viel Vorausgesagtes nicht nur Vision war, sondern tatsächlich eingetroffen ist. Nehmen wir das Beispiel des Global Village. Eine von Marshall McLuhan bereits 1962 entwickelte Idee einer modernen Welt, die durch elektronische Vernetzung zu einem ‹Dorf› zusammenwächst. Ende der achtziger Jahre hielt das Faxgerät Einzug in unsere Büros – was einer Revolution gleichkam. Auf der anderen Seite war ich 1988, auf einer längeren Weltreise, von der Aussenwelt abgeschnitten. Das können sich unsere Kinder, 30 Jahre später, nicht mehr vorstellen. Sie kommunizieren von jeder Ecke der Welt mit Videotelefonie – gratis und franko. In China werden die Leute digital vermessen und sind so permanent sicht- oder aufspürbar – wo sie sich auch immer aufhalten. Es geht einfacher. Wenn die Smartkamera da ist, wird man einen Menschen fotografieren und seine Identität im Internet feststellen können. Manchmal mache ich mir schon Gedanken, wohin uns diese rasante Entwicklung führt – in einer immer komplexer werdenden Welt und Gesellschaft. Eine Antwort darauf habe ich noch nicht gefunden.

Auf der anderen Seite kämpfen wir mit täglich verstopften Strassen, verlieren viel Zeit, die wir anders und vor allem gescheiter nutzen könnten. Der öffentliche Verkehr wird rege benutzt, ist aber mit unseren begrenzten räumlichen Möglichkeiten am Limit. Warum lässt sich dieses Problem nicht lösen? Das selbstfahrende Auto könnte vielleicht die Rettung sein. Aber wer erfindet das selbstfahrende Auto, das hundertprozentige Sicherheit bietet? Denn die Gesellschaft hat eine Nulltoleranz gegenüber einem Vehikel, das sie durch die Gegend fährt und unbeeinflussbar ist. Die Lösung könnte sich von selbst ergeben – dank den Millennials, die nicht mehr mit dem gleichen ‹Auto-Tick› behaftet sind wie die vorhergehenden Generationen. Sie werden sich nie ganz dem Individualverkehr verschliessen und haben immer ein Auto, wenn sie eines benötigen. Kein eigenes, aber ein geteiltes oder ausgeliehenes. Den Unterschied zu heute machen flexible Arbeitszeiten und unabhängige Arbeitsstandorte. Dadurch wird der Verkehrsstrom, auch wenn er nicht abnimmt, günstig beeinflusst. Und das wäre eine überaus positive Folge einer immer anpassungsfähigeren Gesellschaft.

Wesentlich mehr Sorge bereitet mir unser Gesundheitswesen. Die politischen Lager sind nach wie vor gespalten. Die CVP beispielsweise hat zurzeit eine Initiative zur Kostenbremse laufen. Dass eine Veränderung kommen muss, darüber sind sich alle einig: Nur die Rezepturen dazu sind unterschiedlich. Unser Gesundheitswesen bietet hohen Komfort in der medizinischen Betreuung. Diese Besonderheit bezahlen wir teuer. Ohne spürbare Kompromisse wird es keine gangbare Lösung geben oder höchstens eine, die einseitig belastet, wie das etwa von der Linken gefordert wird. Der Gesundungsprozess wird jedenfalls noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Mehr Dynamik entwickelt die Welt der Kommunikation. Zum einen fürchten wir uns vor den Folgen der zunehmenden Transparenz des Individuums. Zum andern offenbaren wir uns in Wort und Bild auf den sozialen Medien und legen mit jedem Post unser Leben noch ein bisschen mehr offen. Die sozialen Medien sorgen also nicht nur für den ‹Gläsernen Bürger›, sondern lassen die persönlichen Kontakte untereinander verarmen. Das könnte die Vermutung nähren, dass die digitale Welt auch in der Kommunikation die Überhand bekommt und das gedruckte Wort und Bild verschwinden lässt. Ich mache eine andere Erfahrung und behaupte: Die Zeitung wird nie ganz verschwinden. Ebenso wenig das gedruckte Buch. Das E-Book stagniert, weil es das Buch in Händen nicht ersetzen kann. Ich war als Referent an eine Lehrabschlussprüfung geladen und nahm die Gelegenheit wahr, den jungen Menschen aufzuzeigen, dass der persönliche Kontakt unersetzbar ist. Ich sagte den frischgebackenen Berufsleuten: Verlasst euch nicht auf Facebook oder LinkedIn, um Kunden zu finden. Die erfolgreichste Methode ist nach wie vor das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Die digitalisierte Welt ist da. Wir müssen nur den vernünftigen Umgang damit lernen.

Zum Glück gibt es in unserem Leben immer noch die urgewöhnlichen smarten Momente. So fragte mich kürzlich meine Tochter: Was würdest du dir für ein smartes Gerät wünschen, wenn du die freie Wahl hättest? Ein Gerät, mit dem ich kommunizieren kann, und das mir auf meine Fragen hin in kurzer Zeit die richtige Information gibt. Als Büro-Nomade und Vielreisender bin ich auf Digital- und Internetsuche angewiesen. Und ich stelle fest, dass ich immer noch zu viel Zeit mit Suchen im Datendschungel benötige.»

«Die junge Generation wird zunehmend
flexibler.»

Erich Ettlin, Ständerat

«Wir können das Rad nicht
zurückdrehen. »

Erich Ettlin, Ständerat