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«Flexibles Arbeiten lässt mehr Freiraum.» Daniel Jositsch, Ständerat

Stimme aus Bern

Ein Gesetz, das der heutigen Arbeitswelt entspricht

«Vor einiger Zeit fragte mich ein politisch interessierter Wähler: Wie schaffen Sie es, Beruf und Wahlkampf unter einen Hut zu bringen? Indem ich während einer bestimmten Zeit im Schnitt 100 Stunden pro Woche arbeite, habe ich ihm erwidert – mit dem Nachsatz: Zur Gewohnheit werden lassen möchte ich das nicht, sonst müsste ich vor mir selbst gerettet werden. Wenn sich der Arbeitsalltag wieder normalisiert hat, werden solche Spitzen wieder zur Seltenheit. Mit einer Flexibilisierung des Arbeitsrechts würde es weniger Diskussionen geben, ob bei unabwendbaren Arbeitsspitzen ein Mitarbeitender sein Pensum ­selber bestimmen kann. Unser Arbeitsrecht ist überholt und nicht mehr zeitgemäss. Kadermitarbeitende organisieren sich und ihre Arbeit schon jetzt weitgehend selber. Ich nenne ein Beispiel. Wenn Sie am Montagnachmittag eine wichtige Präsentation bei einem Kunden haben, so werden Sie das Wochenende dafür nutzen, diese Präsenta­tion gut vorzubereiten. Die dafür benötigte Zeit glätten Sie zu einem späteren Zeitpunkt. Das geltende Arbeitsgesetz richtet sich zu sehr nach den Bedürfnissen der Industrie. Die Zahl der im Dienstleistungssektor tätigen Angestellten nimmt immer mehr zu. Der von mir präsidierte Kaufmännische Verband Schweiz, um ein Beispiel zu nennen, vereinigt alleine gegen 50 000  Mitarbeitende im Dienstleistungssektor. Sie sind Teil von rund 50 Prozent aller Schweizer Angestellten, die bereits von flexiblen Arbeitszeiten und -modellen profitieren. Das provoziert Fragen. Auch die des erwähnten interessierten Wählers, der nachfragt, ob mir bewusst sei, dass ständige Überstunden und eine hohe Arbeitsbelastung der Gesundheit wenig zuträglich seien. Ich gebe ihm recht. Bedingt recht. Flexibles Arbeiten lässt mehr Freiraum. Man arbeitet viel, wenn es nötig ist, und schaltet in ruhigeren Zeiten zurück. Diese These unterstützt ein Anfang Oktober erschienener Beitrag in der «NZZ». Darin wird eine Studie zitiert, die besagt, dass flexibles Arbeiten, auch mit einer zeitweiligen Überbelastung, keinen negativen Einfluss haben muss auf die Gesundheit.

Die Flexibilisierung des Arbeitsrechts ist im Parlament seit Längerem ein Thema und nach wie vor umstritten. 2016 hat der im Herbst zurückgetretene Ständerat Konrad Graber eine parlamentarische Initiative eingereicht, die eine Teilflexibilisierung des Arbeitsgesetzes vorsieht. Die mittlerweile modifizierte Vorlage sieht unter anderem einen Systemwechsel von der Wochen- zur Jahresarbeitszeit vor, was die angesprochene flexiblere Arbeitsverteilung möglich macht. Die angestrebten Regulierungen hängen aber stark von der Branche und der Betriebsgrösse ab. Eine Jahresarbeitszeit für Detailhandelsmitarbeitende beispielsweise ist sicher kein probates Mittel und undenkbar. Das gilt ebenso für industrieorientierte Berufe mit festen Arbeitszeiten. Nicht nur die Flexibilisierung der Arbeitszeit wird uns in nächster Zeit vermehrt beschäftigen, ­sondern auch der Arbeitsstandort. Home Office, Coworking Space oder Desk Sharing sind Synonyme für unabhängiges Arbeiten abseits eines festen Arbeitsplatzes. Entscheidend ist, unabhängig von der Branche oder einer Tätigkeit, dass am Ende des Tages das Arbeitsziel erreicht wird. Ich persönlich arbeite sehr viel unterwegs und bin selten im Büro anzutreffen. Ich brauche dazu eine gute technische Infrastruktur, Selbstdisziplin und die nötige Ruhe.

Wenn ich für ein neues und starkes Arbeits­recht plädiere, will ich damit der rasanten technischen Entwicklung, die mit der Digitalisierung einhergeht, und den damit verbundenen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt Rechnung tragen. Heute erleben wir alle zehn Jahre einen fundamentalen Umbruch, der nicht per se, wie das oft behauptet wird, zum Problem werden muss. Volkswirtschaftlich betrachtet gibt es erfahrungsgemäss immer neue und zusätzliche Jobs. Mein 15 Jahre alter Sohn wird vor seiner Pensionierung eine Tätigkeit ausüben, die es heute noch gar nicht gibt, sage ich. Wenn wir von neuen und flexiblen Arbeitsmodellen reden, müssen automatisch die Stichworte: Weiterbildung – eine absolute Pflicht – und familienergänzende Betreuung fallen. Unser System weist in dieser Beziehung Lücken auf. Auf der einen Seite sehe ich an einer Vor­lesung zwei Drittel Frauen, die sich auf der anderen Seite nach Studiumsschluss die Frage stellen müssen, ob sie Familie oder eine Karriere planen wollen. Die sogenannte Reproduktionsrate beim Bevölkerungswachstum ist heute auf 1,6 gesunken, weil sich immer mehr für das Zweite entscheiden, weil familienergänzende Betreuung in unserem Land nicht gelöst ist. Sinkt das Bevölkerungswachstum weiter, werden wir die Probleme mit der staatlichen Altersvorsorge nie ganz in den Griff bekommen.»

«Flexibles Arbeiten lässt
mehr Freiraum.»

Daniel Jositsch, Ständerat

«Mein 15 Jahre alter Sohn wird vor seiner Pensionierung eine Tätigkeit ausüben, die es heute noch gar nicht gibt.»

Daniel Jositsch, Ständerat