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Jede Minute landet eine Lastwagenladung Plastik im Meer – eine Bedrohung für Mensch und Umwelt.

Tide Ocean SA

Die Plastikfischer

«Es gibt genug Plastik auf der Welt, das rezykliert werden kann, und somit keinen Grund, neues herzustellen», sagt Marc Krebs, Mitinhaber der tide ocean SA.
Das Schweizer Start-up sammelt Ozeanplastik und bringt es als Granulat oder
Textilfaser wieder auf den Markt. Eine smarte Idee.

Kürzlich hat ein bekannter Techgigant aus dem Silicon Valley Testmaterial bei der tide ocean SA in Basel bestellt. «Sie wollen unser Ozeanplastik prüfen», sagt Miteigentümer Marc Krebs, der als First Officer für die Kommunikation des Jungunternehmens ver­antwortlich ist. Am Steuer sitzt Kapitän und CEO Thomas Schori. Er hat das Start-up letzten Herbst gegründet. Zwei Seeleute und eine Handvoll Besatzungsmitglieder, die passend zum Thema nautische Job-Titel tragen und ihre Rohstoffe aus den Ozeanen fischen. Sie staunten nicht schlecht über die Anfrage aus den USA. Entsprechend hoch war ihr Freudensprung.

Wertvoller Abfall

Wir haben Marc Krebs in der Basler Markthalle getroffen, nachdem er am Vorabend aus Ranong zurückgekehrt war. Aus der ­Provinz an Thailands Westküste bezieht tide ocean einen Teil seiner Rohstoffe. «In Südostasien ist die Abfallproblematik besonders ausgeprägt.» Marc Krebs zeigt Fotos von vermüllten Kanälen, wilden Deponien, von Abfall gesäumten Sandstränden. Die Regenzeit trägt besonders viel Abfall in den Ozean, wo er sich zu Müll­teppichen sammelt, zur sicht­baren Demonstration einer bedrohlichen Umweltkata­strophe.

Marc Krebs holt zu Erklärungen aus. Die Gründe sind komplex – hausgemacht und importiert. Vor Ort fehlt es an funktionierenden Entsorgungssystemen, an Anreizen und politischen sowie edukativen Massnahmen. Westliche Länder haben ihren Abfall jahrelang exportiert. Auf Ko Phayam, einer kleinen thailändischen Insel im Osten des indischen Ozeans, traf Marc Krebs eine Anthropologin. Sie spricht von Menschen, die im Hier und Jetzt leben, nicht an gestern, nicht an morgen denken. Eine Lebensphilosophie, die in west­lichen Ländern in Achtsamkeitsseminaren gelehrt wird. Dass ihrer Kehrseite so viel Müll anhaftet, passt nicht zu diesem Konzept.

«Wir wollen dem Abfall einen Wert geben», sagt Marc Krebs. tide ocean arbeitet vor Ort mit Partnern zusammen, in Ranong zum ­Beispiel mit einer Westschweizer Stiftung, die eine Entsorgungsstation als Social Enterprise betreibt. «Die Fischer erhalten Geld für Abfall- statt Fischlieferungen.» Ihre Arbeit ist mühselig. Das Plastik muss sortiert, die Verschlussringe beispielsweise von PET-­Flaschen ge­schnitten, Deckel, Shampoo-­Flaschen oder anderes Plastik separat gesammelt, schliesslich gewaschen und geschreddert werden, bevor es in die Schweiz exportiert wird. Die Transporte werden CO2-kompensiert. Ist das Unternehmen dereinst konsolidiert, soll die Produktion vor Ort erfolgen. Noch ist viel Entwicklungsarbeit erforderlich.

Ursprung im Uhrenband

Aus einem Etui nimmt Marc Krebs eine Hand­­voll durchsichtiger Crisps, geschreddertes Plastik, das tide ocean zu einem Granulat verarbeitet. Es erinnert an Bügelperlen, aus denen Kinder Plastik-Kunstwerke basteln. Ein ­zweites Produkt sind Textilfasern, wie sie in Uhrenbändern vorkommen. Darin liegt ­sozusagen der Ursprung von tide ocean. Das Schweizer Start-up ist aus der Braloba Group hervorgegangen, einer weltweit renommierten Uhrenband-Herstellerin mit Sitz im bernischen Lengnau. Thomas Schori führt das Familienunternehmen mit seinem Bruder und hat aus Plastikabfällen nun eine zusätz­liche Geschäftsidee geformt.

«Ein Kunde hat nach Möglichkeiten gesucht, Ozeanplastik für die Herstellung von Uhrenbändern zu verwenden», erzählt Marc Krebs. Thomas Schori wandte sich mit dieser Frage an die Schweizer Kunststoff­experten der Hochschule für Technik in ­Rapperswil. Professor Daniel Schwendemann und seinem Team gelang es, aus geschredderten Abfällen ein Plastik zu entwickeln, das neu hergestelltem Virgin Plastic in nichts nachsteht. Und das, obwohl Salzwasser und starke Sonneneinstrahlung das ­Roh­material stark beeinträchtigt haben.

«Wir sprechen von Upcycling, nicht Recycling, da wir ‹Single-Use Plastic› in ein langlebiges Produkt umwandeln, in eine Handyhülle, einen Stuhl, in Schmuck oder Kleider», betont Marc Krebs. Jason Hyde, ein amerikanischer Modeschmuckhersteller, hat erste #tide-Produkte im Sortiment. Eine weitere Kooperation ist lanciert: «Mit der Berner Event-Organisatorin ‹Sneakerness› bringen wir im Frühling Schuhbändel heraus, die auf Sneakermessen in mehreren europäischen Grossstädten präsentiert werden.»

Immer mehr Hersteller suchen nach Alternativen zum Virgin Plastic, gehen auf Unternehmen wie tide ocean zu, sind auch bereit, den dreimal höheren Preis zu zahlen. Dieser Erfolg sei tide ocean gegönnt. Dennoch wünscht man dem Start-up, dass seine Rohstoffe dereinst versiegen. Doch die Realität sieht anders aus: Jede Minute landet eine Lastwagenladung Plastik im Meer. Es gibt also unendlich viel Arbeit für tide ocean und genug Abfall für konkurrierende Unternehmen, die das Potenzial von Plastikmüll ebenfalls entdeckt haben.

Eine saubere Sache: First Officer Marc Krebs (l.) und Kapitän Thomas Schori rezyklieren Ozeanplastik.

Ausgezeichnet

Letztes Jahr gegründet, ist die tide ocean SA mit 500 Stellenprozenten von Basel aus tätig und bereits zweifach ausgezeichnet worden: Im Oktober 2019 mit dem deutschen MATERIALICA Design & Technology Award und in diesem Januar mit dem Swiss Plastics Expo Award 2020 in der Kategorie Nachhaltigkeit.

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