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Lorenz Ramseyer, Präsident des Vereins «Digitale Nomaden Schweiz»
Lorenz Ramseyer, Präsident des Vereins «Digitale Nomaden Schweiz»

Getroffen

«Die Digitalisierung rückt den Menschen ins Zentrum»

Er reist und arbeitet gleichzeitig, früher öfters in fernen Ländern, inzwischen mehrheitlich in der Schweiz – im Restaurant, im Zug, in der Bibliothek oder beim Wandern. Lorenz Ramseyer plädiert für ortsunabhängiges Arbeiten und präsidiert den Verein «Digitale Nomaden Schweiz».

«Ein digitaler Nomade ist ein Individualist, er lernt gerne Neues, probiert aus, ein Auto­didakt, ein Freelancer vielleicht. Er könnte Entrepreneur sein oder Intrapreneur, einer, der angestellt ist und trotzdem unterneh­merisch denkt. Er ist gerne unterwegs, verbindet die Faszination fürs Reisen mit seiner Arbeit. Die digitale Transformation spielt ihm in die Hände. Easy Access, wohin man kommt. Mit digitalen Tools bleibt er im Rennen, nimmt an Sitzungen teil, koordiniert, plant. Ein Wegbereiter in die Arbeitswelt der Zukunft.» So in etwa umreisst Lorenz Ramseyer einen digitalen Nomaden, arbeitet in groben Zügen ein paar seiner Wesenszüge heraus. Selbstverständlich gilt diese Charakteristik auch für die digitale Nomadin. Sie reist und arbeitet gleichzeitig. Nachhaltiger inzwischen, weil die Klimadebatte auch die Kehrseite der Reiserei beleuchtet. «Vieles ist in Bewegung, Veränderungen zeichnen sich ab – auch bei mir. Um die Jahrtausendwende bereiste ich Amerika, Asien. Seit der Geburt meines Sohnes bin ich lokaler unterwegs. Bald wollen wir als Familie Europa entdecken.» Langsam unterwegs sein, gleichzeitig arbeiten. Digitales Nomadentum für Fortgeschrittene, das auch im Kleinformat denkbar ist. «Den Arbeitsort ab und zu an die Aare verlegen», schlägt Lorenz Ramseyer vor, der den Verein «Digitale Nomaden Schweiz» 2016 mit sieben Gleichgesinnten bei einem Raclette in Thun gegründet hat. Die Idee entstand weitab von Käse und Wein in Santa Fe, New Mexiko, während eines Whatsapp-Telefoninterviews mit dem Tagesanzeiger.

Cervelats fürs Management

An die grüne Aare lädt Lorenz Ramseyer Managerinnen und Manager übrigens sehr gerne ein. «Wir laufen ein paar Stunden, nehmen Laptop und Handy mit. Ich richte irgendwo einen Hotspot ein. Die Geschäftsleute mailen, telefonieren, ich mache Feuer und ‹brätle›.» Das Tagesgeschäft ist erledigt, das Denkumfeld ein anderes als im Sitzungszimmer, das, häufig glasumrandet, trotzdem nur beschränkte Weitsicht bietet. «Ich zeige Tools und Methoden, die ortsunabhängiges Arbeiten erleichtern, erforsche die Unternehmenskultur. Die grösste Knacknuss: ‹Man arbeitet nur, wenn man präsent ist› – dieses Konzept über Bord zu werfen, ist der schwierigste Teil.»

Für Lorenz Ramseyer sind die Trainings eine Investition in die Zukunft. «Die Arbeitswelt wird umgekrempelt.» Projekte laufen plötzlich rund um die Uhr. Mitarbeitende sind über den Globus verteilt. Der Fachkräftemangel wird das Szenario beschleunigen, eine junge Generation neue Arbeitsprozesse für sich einfordern. «Spätestens dann ist das Traditionelle überholt. Sollten wir uns darauf nicht vorbereiten?», fragt Lorenz Ramseyer, der gerne durch Wälder und über Berge zieht, das Handy im Sack, den Laptop im Rucksack. Was sich gedanklich zur brillanten Idee formiert, hält er per Selfie-Video fest. «So alleine unterwegs, erlange ich einen Hyper-Fokus, der im Büro nie so gut gelingt.»

Home-Office statt pendeln

«Rund 50 Prozent aller Angestellten oder knapp 2,5 Millionen Menschen wären von ihrer Arbeit her theoretisch befähigt, mobiler zu arbeiten», betont Lorenz Ramseyer. Alle müssen nicht die Welt erobern. Auch die Umkehrvision ist denkbar. Pendler­ströme eindämmen, Dorfgemeinschaften wiederbeleben. Das beabsichtigt Village Office, eine Genossenschaft, die Coworking Spaces in Randregionen schafft und damit die Verkehrsinfrastruktur entlasten und die lokale Wertschöpfung erhöhen will. Lorenz Ramseyer ist gerne und viel unterwegs, arbeitet im Zug, im Café. «Selbstverständlich fragt man zuerst, ob es erlaubt sei, ­konsumiert entsprechend», betont der digitale Nomade, der mit den Vorbereitungen für die zweite Edition der «Digitale Nomaden Konferenz Schweiz» beschäftigt ist. Die Veranstaltung vermittelt jeweils viel Praktisches über digitale Nomaden und ortsunabhängiges Arbeiten.

«Letztendlich ist ortsunabhängiges Schaffen ein grosses Privileg, ein Lifestyle auch, der häufig minimalistisch geprägt ist», sagt Lorenz Ramseyer abschliessend. Wer aus dem Koffer lebt, beschränkt sich auch besitzmässig auf das Wesentliche, ist Teil der Sharing Economy. «Denn am Ende will die neue Arbeitswelt keine besseren Maschinen, sondern die besseren Menschen aus uns machen.» Die Digitalisierung schenkt uns Zeit für die persönliche Entwicklung, für Familie und Freunde. Oder anders gesagt: «Die Digitalisierung rückt den Menschen ins Zentrum» – wenn man es positiv betrachten will.

«Rund 50 Prozent aller Angestellten oder knapp 2,5 Millionen Menschen wären von ihrer Arbeit her
theoretisch befähigt, mobiler zu arbeiten.»

Lorenz Ramseyer, digitaler Nomade

Kurz portraitiert

Lorenz Ramseyer ist ausgebildeter Lehrer, IT-Consultant und Berufs­bildungsverantwortlicher. Seit 2006 beschäftigt er sich intensiv mit ortsunabhängigem Arbeiten, hat 2014 eine Masterarbeit zum Thema «Digitale Nomaden» verfasst und zwei Jahre später den Verein «Digitale Nomaden Schweiz» gegründet, dem mittlerweile über 850 Mitglieder angehören. Der Verein organisiert regelmässige Mastermind-Meetups, engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit und Interessensvertretung.