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Jakub Samochowiec, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institute und Co-Autor der Digital-Ageing-Studie: «Die Umfrageresultate zeigten, dass jüngere Menschen ein konservativeres Bild des Alterns haben als Leute, die bereits pensioniert sind.»

GDI-Studie
«Digital Ageing – Unterwegs in die alterslose Gesellschaft»

Das Alter hat Zukunft

Paul, Johanna, Gertrud und Vincent heissen die Protagonisten aus der Gottlieb-Duttweiler-Studie «Digital Ageing». Vier überspitzt skizzierte Prototypen, die im Jahr 2030 leben und den Weg in die alterslose Gesellschaft ebnen.

Die Babyboomer krempeln das Leben im Alter derzeit kräftig um. Sie sind so aktiv, gesund und technologieaffin wie keine Generation vor ihnen. Zeitgleich wird im Silicon Valley an Technologien geforscht, die das biologische Alter hinauszögern, im besten Fall abschaffen. Diese Entwicklungen analysierte das Gottlieb Duttweiler Institute im Auftrag von Swiss Life und publizierte die Ergebnisse in der Studie «Digital Ageing – Unterwegs in die alterslose Gesellschaft». Aus den Ergebnissen formte das dreiköpfige Autorenteam vier Alterstypen, wie sie im Jahr 2030 denkbar sind. Paul, der Konservative, erfüllt das Bild des klassisch Alternden. Er ist unflexibel und immun gegenüber neuen Technologien oder Innovationen. Etwas schrill betritt Johanna die Bühne: Die Rebellin ist wachstums- und erlebnisorientiert, will nach der Pensionierung nochmals Gas geben. Gertrud, die Vorausschauende, lebt gesundheitsbewusst und nutzt technologische Entwicklungen zur Datenmessung, für Prognosen und Empfehlungen, während Vincent ein möglichst langes Leben im Fokus hat, im besten Fall die Unsterblichkeit.

Vier Säulen künftiger Altersbilder

Welches Szenario dereinst dominiert, bleibt ungewiss. Fakt ist: Das Leben im Alter wird sich künftig zwischen diesen vier Prototypen einpendeln. Die Basis der Studie bilden Resultate einer quantitativen Befragung in allen Altersklassen unter Berücksichtigung folgender Dimensionen: Wie offen sind die Befragten gegenüber neuen Technologien? Wollen sie ihre Fähigkeiten vor allem bewahren oder sich weiterentwickeln? «Die Umfrageresultate zeigten, dass jüngere Menschen ein konservativeres Bild des Alterns haben als Leute, die bereits pensioniert sind», sagt Jakub Samochowiec, einer der drei Autoren der GDI-Studie. «Diese Resultate haben mich überrascht. Wir konnten aber nicht abschliessend klären, ob die jüngere Generation konservativer ist oder ob junge Menschen einfach eine falsche Vorstellung vom Pensionsalter haben, 70-Jährige also bereits mit einem Bein im Grab sehen. Ich vermute eher Zweiteres.»

Einfluss des Klimawandels

Der aktuelle CS-Sorgenbarometer zeige ausserdem, dass sich die Sorgen der Jungen um die AHV in den letzten Jahren nochmals verstärkt haben, spannt Jakub Samochowiec den Bogen über die vier Jahre seit Erscheinen der Studie im Jahr 2015. «Inwiefern diese Ängste das eigene Altersbild beeinflussen, bleibt unklar. Viele Menschen beurteilen die Welt pessimistisch, klammern sich dabei aber aus und bleiben optimistisch in Bezug auf die eigene Zukunft.» Darüber hinaus mobilisiere aktuell der Klimawandel immer mehr – vor allem junge Menschen, so Samochowiec. «Aus heutiger Perspektive würden wir in der Studie neben dem individuellen Blick womöglich eine intakte Natur als Altersvorsorge mitberücksichtigen.» Trotzdem ist die GDI-Studie hochaktuell. Sie zeigt ein Altersbild, das sich zunehmend auflöst. Die fixe Abfolge von Lebensabschnitten – Ausbildung, Beruf, Ruhestand – wird durcheinandergewirbelt. Wachstumsorientierte Menschen verwischen den Begriff des Alters zunehmend. Sie bilden sich weiter, sind aktiv, gesund, nutzen digitale Tools, ­kleiden sich modern, bedienen sich unter Umständen plastischer Chirurgie, sodass eine 80-Jährige immer schwieriger als solche erkennbar ist. Ohne fixes Pensionsalter würde sich gleichzeitig die institutionelle Altersgrenze auflösen und den Weg frei machen für eine alterslose Gesellschaft.

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Flexible Altersvorsorge

Unterwegs in die alterslose Gesellschaft – sind Rebel oder Ageless Ager mit dem Schweizer Vorsorgesystem gut bedient? Sebastien Godin, Partner der PensExpert AG, spezialisiert auf innovative Vorsorgelösungen, stellt das Drei-Säulen-System nicht infrage, plädiert aber für einen individuellen, massgeschneiderten Ansatz.

 

Herr Godin, welchem der vier Altersszenarien, die in der GDI-Studie skizziert werden, würden Sie dereinst gerne angehören?

Der Rebel Ager hat interessante Aspekte. Er ist wachstumsorientiert, will im Pensionsalter nochmals durchstarten und bleibt auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Weiterentwicklung statt Stillstand. Das gefällt mir. Natürlich ist dieser Wunsch gekoppelt an eine gute Gesundheit und einen entsprechenden Lebensstil.

Welchen Alterstypus verkörpern Ihre Kundinnen und Kunden?

Eigentlich jeden. Unser Ansatz ist, dass wir auf verschiedene Szenarien individuell eingehen. Wir haben immer mehr Kundinnen und Kunden, die sich vom ordentlichen Pensionierungsalter 65/64 loslösen und unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Das klassische Vorsorgesystem hat also ausgedient?

Nein keinesfalls. Die Mischung aus Anlage, Kapitaldeckungsverfahren und Umlageverfahren, wie sie das Schweizer Drei-Säulen-­System aufweist, ist ein guter Kompromiss. Für das stehe ich ein und bin überzeugt, dass es die richtige Variante ist. Wir versuchen lediglich das System innerhalb der 2. Säule etwas aufzubrechen.

In welcher Form?

Die meisten Versicherten haben eine Pen­sionskasse und sind damit einer einzigen Anlagestrategie ausgesetzt. Der 30-Jährige ebenso wie die 60-Jährige. Wir finden, jeder Versicherte sollte die Möglichkeit erhalten, einen Teil seiner Vorsorgegelder je nach Risikofähigkeit und Bereitschaft selbstgewählt anzulegen.

Was heisst das im konkreten Fall?

Wir haben zwei ausserobligatorische Pensionskassen, zwei Freizügigkeitseinrichtungen und eine 3a-Vorsorgestiftung, aus denen wir unterschiedlichste Möglichkeiten konzi­pieren, angepasst an die jeweilige Lebensphase, in der sich der Kunde gerade befindet. Hinzu kommt das private Vermögen, das, als wichtiger Teil der Vorsorge, ebenfalls gut angelegt sein will. Eine gewisse Diversi­fikation macht also Sinn, kombiniert mit einer optimalen Anlage- sowie Vorsorge­beratung.

Welche Voraussetzungen müssen dazu geschaffen werden?

Zum einen müssen wir die Attraktivität fürs Weiterarbeiten fördern. Nehmen wir als Beispiel die Teilpensionierung: In gewissen Vorsorgestiftungen müssen Versicherte ab 64 oder 65 ihre Altersleistung beziehen, auch wenn sie weiterarbeiten und die Gelder lieber im Vorsorgekreis belassen würden. Gesetze müssen so konzipiert sein, dass der Versicherte flexibel bleibt, Anreize hat, weiterzuarbeiten. Das ist der richtige Ansatz.

Was gehört ausserdem abgeschafft auf dem Weg in die alterslose Gesellschaft?

Die obligatorische Auszahlung der Rente ab 70 zum Beispiel. Braucht es eine solche Limite überhaupt? Welchen Zweck hat sie? Eigentlich keinen. Natürlich will man irgendwann von der Vorsorge leben. Entlang der demografischen Entwicklung gedacht, macht es aber Sinn, länger zu arbeiten und entsprechend länger in die Vorsorge einzuzahlen.

Was braucht es also in Zukunft?

Flexibilität, die man in Produkte ummünzen kann. Die Lebensläufe der Menschen haben sich verändert. Karrieren variieren, mal ist man angestellt, dann selbstständig, dazwischen liegen Sabbaticals, Familienzeit. Die lineare Laufbahn bei einem Unternehmen, das ist vorbei. Trotzdem sind viele Vorsorgelösungen auf dieses traditionelle Lebensmodell ausgerichtet. Hier appelliere ich an den Gesetzgeber – weniger regulieren, weniger Schranken, mehr Anreize und Möglichkeiten schaffen.

Sebastien Godin, Partner der PensExpert AG

PensExpert AG

PensExpert AG
Das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen verwaltet ein Vorsorge-vermögen von 4,6 Milliarden Franken in fünf Vorsorgeeinrichtungen und -stiftungen, gilt als Pionierin in der Umsetzung individueller Vorsorge-lösungen und beschäftigt 45 Mitarbeitende an fünf Standorten.

«Ich bin 40 und finde gewisse Aspekte des Ageless Ageing schon sehr attraktiv: Ein gedanken­gesteuertes Exoskelett beispielsweise wäre etwas Feines, wenn ich nicht mehr gut laufen kann.
Ich hoffe, möglichst lange wachstumsorientiert zu bleiben und die Lust am Neuen nicht zu verlieren.»

Jakub Samochowiec, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institute und Co-Autor der GDI-Studie «Digital Ageing – Unterwegs in die alterslose Gesellschaft».

Conservative Ager

Name Paul «Pauli»
Lieblingsfarbe Grau
Lieblingsfilm/-sendung Heidi (Version 1952)
Hobbys Briefmarken sammeln
Lieblingsessen Gehacktes mit Hörnli
Lebensphilosophie Was man hat, das hat man.
Das hätte ich schon längst tun sollen Den Müll ­rausbringen
Was ich im Leben noch erreichen will Mein Erbe in gutem Zustand den Nachkommen übergeben
Meine Traumpartnerin muss … verlässlich und loyal sein.
Reiseziel Spazieren auf dem Rigi
Warum wir auf dieser Erde sind Um zu arbeiten, Geld zu verdienen und für den Nachwuchs zu sorgen

Resultat: Altern mit Bewahrungsfokus, ohne Nutzung zukünftiger Technologien

Rebel Ager

Name Johanna «Jo Jo»
Lieblingsfarbe Pink
Lieblingsfilm/-sendung Kung Fury
Hobbys Kitesurfen
Lieblingsessen Kugelfisch
Lebensphilosophie Man bereut nicht, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat.
Das hätte ich schon längst tun sollen Atlantiküberquerung mit Segelboot
Was ich im Leben noch erreichen will Eine Affäre mit einem Promi
Mein Traumpartner muss … aufregend, kreativ, bereit für offene Beziehung sein.
Reiseziel Pamir Highway (Tadschikistan, Kirgisien) mit dem Velo
Warum wir auf dieser Erde sind Um möglichst viel Spass zu haben und uns wieder neu zu erfinden

Resultat: Altern mit Wachstumsfokus, ohne Nutzung zukünftiger Technologien

Predictive Ager

Name Gertrud «Trudi»
Lieblingsfarbe RGB 65, 105, 225
Lieblingsfilm/-sendung Wettervorhersage/Pollenbericht
Hobbys Ferien planen (Ziel: Kurort)
Lieblingsessen 160 Gramm Proteinpulver, In-vitro-Slim-Steak und ein Drink aus Goji-Beeren
Lebensphilosophie Wie man sich bettet, so liegt man.
Das hätte ich schon längst tun sollen Dehydroepiandro­steron-Pillen einnehmen (vor 27 Minuten)
Was ich im Leben noch erreichen will Meinen persönlichen Healthscore auf über 900 bringen
Mein Traumpartner muss … folgende Gensequenzen besitzen: NPTN, CD28, LIF, CCR5.
Reiseziel Kurort mit der besten Health-Score-Aufwertungsquote (gemäss App)
Warum wir auf dieser Erde sind Um mittels Disziplin und Daten möglichst viel aus unserem Kopf und Körper herauszuholen

Resultat: Altern mit Bewahrungsfunktion, mit Nutzung zukünftiger Technologien

Ageless Ager

Name Vincent «√!I\I(3 3000»
Lieblingsfarbe Infrarot (83 THz)
Lieblingsfilm/-sendung Recorded 6-Sense-Experience: Chased by dwarves with pitchforks through jungle on acid (uncensored version)
Hobbys Brain Sync Orchestra
Lieblingsessen Lithium-Ionen
Lebensphilosophie Wandel ist die einzige Konstante.
Das hätte ich schon längst tun sollen Warum die Eile?
Was ich im Leben noch erreichen will Alles
Meine Traumpartnerin muss … auf der gleichen Wellenlänge sein (9Hz-Alphawellen).
Reiseziel Europa (Jupitermond)
Warum wir auf dieser Erde sind Um die Regeln zu ändern

Resultat: Altern mit Wachstumsfokus, mit Nutzung zukünftiger Technologien

Quelle: Jakub Samochowiec, Martine Kühne, Karin Frick: Digital Ageing – Unterwegs in die alterslose Gesellschaft. Herausgeber: Gottlieb Duttweiler Institute, Rüschlikon, Zürich. 2015.